5SB Südtirol

„Wir blicken immer nur nach vorne!“

Der Unternehmer Diego Nicolini hat im März bei den Nationalwahlen für die Fünf-Sterne-Bewegung einen Achtungserfolg erzielt und beerbt jetzt Paul Köllensperger als Listenführer. Im Gespräch beschreibt der 49-jährige Neumarkter mit Trentiner Wurzeln die derzeitige Stimmung an der Südtiroler M5S-Basis und definiert ein recht sportliches Wahlziel für die Landtagswahl 2018.

 

Frage: Hat sich Rom schon gemeldet, um zu gratulieren?

Nicolini: (lacht) Naja, Ministerpräsident Conte hat selber noch nicht angerufen, aber Minister Fraccaro hat selbstverständlich gleich gratuliert und auch herzliche Glückwünsche von Luigi Di Maio ausrichten lassen.

 

Frage: Wie ist denn die Stimmung derzeit an der M5S-Basis?

Nicolini: Mittlerweile wieder sehr gut, nachdem wir glücklicherweise eine ordentliche Liste mit vielen guten Kandidaten zusammen bekommen haben und nun endlich wissen, wie es weitergeht. Viele Aktivisten waren jedoch zunächst über den Ausgang des Nominierungsverfahrens besorgt und noch enttäuscht, dass Paul Köllensperger der Bewegung den Rücken kehrt und mit einer eigenen Liste startet.

 

Frage: Wie groß war denn die Enttäuschung?

Nicolini:  Seine Entscheidung kann ich in gewisser Weise nachvollziehen, denn er war es sicherlich leid, tagtäglich von den deutschsprachigen Einheimischen zu hören, wie zufrieden man zwar einerseits mit seiner Arbeit ist, aber dass man ihn andererseits trotzdem nicht wählen wird, weil er angeblich in der falschen Partei sei.

Paul ist ja genauso Unternehmer wie ich – wir sind ja sogar exakt am gleichen Tag dem M5S beigetreten – und wissen deshalb beide, wie man ein strategisches Ziel erreichen kann. Insofern ist es auch irgendwie plausibel, dass er jetzt versucht, mit einer eigenen Liste in den Wahlkampf zu starten, die auf die deutschsprachige Landbevölkerung abzielt. So wie ich Paul persönlich in all den Jahren kennen und auch schätzen gelernt habe, war er aber immer ein echter Grillino, genauso wie ich es ja auch bin.

 

Frage: Das Nominierungsverfahren der Landtagswahlkandidaten über die Plattform ‚Rousseau‘ kann doch aber auch nicht ernsthaft nur Freude bereitet haben, oder?

Nicolini: Die Regeln sind halt nun einmal so wie sie sind und wir haben sie letztlich zu akzeptieren. Ein wichtiger Grundsatz der Fünf-Sterne ist ja die Direkte Demokratie und wir haben bei unserer Nominierung ja wieder einmal gesehen, dass das auch sehr gut bei uns funktioniert.

Dass wir unser Listenpotenzial leider nicht voll ausschöpfen konnten, ist zwar schade und sieht vielleicht vordergründig erst einmal nicht sehr großartig aus, aber dafür haben wir wirklich viele sehr kompetente Experten im Team, mit denen wir zusammen einen starken Wahlkampf bestreiten werden, um unser Wahlziel zu erreichen.

 

Frage: Welches Wahlziel wird denn vorgegeben?

Nicolini: Wir treten hier in Südtirol zur Landtagswahl an, um ganz klar die stärkste Fraktion nach der SVP zu stellen. Jedoch streben wir in keinem Fall eine Regierungsbeteiligung „unter allen Umständen“ an, so wie Köllensperger das mit seinem Slogan „mitregieren“ ja bereits unterschwellig signalisiert. Unsere Wähler unterstützen uns vor allem deshalb, weil sie uns zutrauen, dass wir in der Lage sind, die seit 70 Jahren herrschende politische Monokultur aufzubrechen.

So ähnlich, wie uns das ja auf nationaler Ebene auch schon bereits gelungen ist. Wir Südtiroler sind wirklich „stuff“ von dieser Vetternwirtschaft, Postenschacher und Selbstbedienungsmentalität des etablierten „Systems Südtirol“ und sind auch der Meinung, dass ein solch verfilztes System nicht dadurch überwunden werden kann, dass man sich schon vor der Wahl miteinander verbrüdert.

 

Frage:  Mit welchen Themenschwerpunkten sollen denn die Wähler gewonnen werden?

Nicolini: Obwohl unsere Liste ja erst seit ein paar Tagen steht, haben die Kandidaten und deren Unterstützer bereits sehr fleißig begonnen, das detaillierte Programm hierzu auszuformulieren, was aber noch drei oder vier Wochen dauern wird. Grundsätzlich greifen wir natürlich zunächst die grobe Richtung des nationalen M5S-Programms auf und verfeinern es dann an denjenigen Stellen, an denen es um die regionalen Besonderheiten Südtirols geht.

Bei uns stehen deshalb vor allem die Sanität, die Zuwanderung und Verkehrsfragen im Vordergrund. Aber auch das mehrsprachige Schulmodell, der Ausbau der Autonomie und leistbares Wohnen genießen einen extrem hohen Stellenwert. Wir kümmern uns vor allem um soziale Themen, das Wohl der Allgemeinheit und natürlich um alle relevanten Wirtschaftsfragen. Mit Randthemen wie Wolf, Doppelpass und Damensauna halten wir uns deshalb naturgemäß eher weniger auf.

 

Frage:  Müssen sich die Südtiroler also eher auf einen langweiligen Wahlkampf einstellen?

Antwort: Eher auf einen sachlichen und pragmatischen Wahlkampf, so wie wir dies ja auch schon im März und auch davor praktiziert haben. Luigi Di Maio hat bereits zugesichert, sich persönlich einzubringen und wird natürlich auch in Bozen zur Abschlusskundgebung erwartet.

Wir nehmen den Schwung aus Rom natürlich gerne mit und sind sehr froh über den direkten Draht zur Regierung, was bei vielen künftigen Sachfragen sicherlich enorm hilfreich sein wird. Damit verfügen wir in gewisser Weise über ein besonderes Alleinstellungsmerkmal, mit dem keine der derzeitigen Landtagsparteien – außer eben uns – punkten kann.

 

Frage:  Klingt alles in allem, als herrscht trotz der Querelen vom Juli doch rechte Entspannung?

Nicolini: Grundsätzlich versuche ich, ähnlich wie mein Vorgänger, neue und schwierige Situationen zunächst mittels nüchterner Analyse und handlungsorientierter Vorgehensweise in den Griff zu bekommen.  Hektische Marktschreierei oder populistische Reduzierung überlasse ich dabei gerne den politischen Mitbewerbern, denn sie sind meine Sache nicht.

Es ist auch überhaupt nicht ratsam, sich zu viel mit der Vergangenheit aufzuhalten und sich über Dinge zu ärgern, die man sowieso nicht mehr ändern kann, weshalb für mich und mein Team grundsätzlich gilt: Wir schauen immer nur nach vorne!

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